DER PANTHER


Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -.
Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


(Rainer Maria Rilke)


Konzeptionelle Gedanken

Über einen sehr langen Zeitraum hinweg wurden kranke und behinderte Menschen in Anstalten untergebracht. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurden psychiatrische Heil- und Pflegeanstalten errichtet.
Den Insassen solcher Anstalten "nötigte" man eine totale Versorgung auf. In einer meist ländlichen und friedlichen Idylle sollten die Kranken vor Schaden bewahrt werden und vor den Anforderungen der Welt "jenseits der Mauern" geschützt werden. Ebenso wollten die "gesunden" Menschen "draußen" vor den "Verrückten" drinnen geschützt werden.

Der Sinn in einer derartigen Isolation lag darin, daß dem Kranken damit die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich besser mit einem Leben in

Krankheit und Behinderung einrichten zu können als in der Gesellschaft der "Normalen". Damit waren die Tore zugeschlagen und dem einzelnen Kranken weitgehend die Möglichkeit verwehrt, in seine alte und vertraute Lebenswelt zurückzukehren.

Im Kern forderte der Bericht der Psychiatrie-Enquète und der Expertenkomission, aus der "totalen Institution" (Goffman 1972) Anstalt, die scheinbar ein Hort der Ruhe, des Friedens und der Rundumversorgung aller Bedürfnisse der Kranken war, dazu auf, große psychiatrische Kliniken zu verkleinern zu Gunsten von dezentrale und gemeindenahen Einrichtungen mit dem Ziel, ein auf weitestgehende Rehabilitation ausgelegtes psychiatrisches Versorgungsnetz zu schaffen.

Inzwischen sind starke Bemühungen in Gang gekommen, psychisch kranke und seelisch behinderte Menschen aus sozial-desintegrierenden Großanstalten gemeindenah zu integrieren. Da soziale Einflüsse und vorherrschende Umwelt- und Lebensbedingungen in engem Zusammenhang mit dem Verlauf einer psychischen Erkrankung stehen, ist das gemeindenahe Wohnen eine fundamentale Voraussetzung für eine gesellschaftliche Integration und die Entfaltung menschlicher Bedürfnisse. Hieraus läßt sich unmittelbar die große Bedeutung der Wohnsituation als fördernder oder hemmender Faktor für psychische und soziale Integration bzw. Rehabilitation ablesen.

Das Betreute Wohnen als Alternative zum Leben in der "Anstalt" bietet die Chance, psychisch kranken Menschen zu helfen sich von "entmündigenden" Strukturen psychiatrischer Kliniken zu emanzipieren und somit ein Stück Freiheit für eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung zu gewinnen, ohne auf eine psychosoziale Betreuung und Unterstützung verzichten zu müssen.

Im Prinzip konzentrieren sich die Bemühungen darauf, den Klienten Bedingungen anzubieten, die es ihnen ermöglichen, ein weitgehend "normales" Leben zu führen.
Es geht darum ein soziales Lern- und Übungsfeld zu eröffnen in dem die Klienten ihren Lebensalltag frei und eigenständig gestalten können, dabei aber die Möglichkeit haben, auf eine kontinuierliche Betreuung bzw. auf Hilfen zurückgreifen zu können, die für den Bedarfsfall bereitstehen.


    Das betreute Wohnen richtet sich u.a. an die Menschen,

  • deren soziale Bindungen instabil geworden sind oder die den Kontakt zur "Welt draußen" aufgrund langdauernder Hospitalisierung verloren haben,
  • jüngeren Alters, deren Sozialisation und beruflicher Entwicklungsstand nicht ihrem Alter und ihren Fähigkeiten entspricht,
  • denen es Schwierigkeiten bereitet, aus eigenem Antrieb oder Kraft den Weg zu Vermietern, Ämtern und anderen Stellen zu finden, die aus Gründen der Existenzsicherung aufzusuchen sind,
  • die erhebliche Schwierigkeiten im Bereich der eigenen Haushaltsführung haben
  • die ohne Unterstützung Dritter zu "verwahrlosen" drohen.
(vergleiche Empfehlungen der Expertenkomission der Bundesregierung zur Reform der Versorgung im psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Bereich auf der Grundlage des Modellprogramms Psychiatrie der Bundesregierung,
S. 157-158)

Hauptziel des Betreuten Wohnens ist es, die Bewohner soweit wie möglich zu befähigen, ihr Leben in weitgehender Autonomie zu gestalten und zu planen.
Nicht selten sind bei vielen Klienten durch langjährige psychische Krankheit und stationäre Aufenthalte die Lebensbewältigungsmechanismen verschüttet worden. Hier gilt es nun die noch vorhandenen Ressourcen zu erkennen, zu stärken, auszubauen und die verschütteten Ressourcen wieder freizulegen.